Die Morgenlandfahrt

Hermann Hesse

In einem Prospekt des Fischer Verlages schreibt Hesse über seine Dichtung:

„Das Thema ist die Vereinsamung des geistigen Menschen in unserer Zeit und die Not, sein persönliches Leben und Tun einem überpersönlichen Ganzen, einer Idee und einer Gemeinschaft einzuordnen. Das Thema der Morgenlandfahrt ist: Sehnsucht nach Dienen, Suchen nach Gemeinschaft, Befreiung vom unfruchtbar einsamen Virtuosentum des Künstlers.“

 MorgenlandfahrtDie Erzählung Die Morgenlandfahrt ist eine kleine Prosadichtung von poetischem Zauber und einem eigenartig faszinierenden Reiz, die Hesse im Sommer 1930 begann und im April 1931 beendete. In Verbindung mit dem großen Werk Das Glasperlenspiel gewinnt Die Morgenlandfahrt den Charakter des Auftaktes und des geistigen Vorspiels, in dem die wesentlichen Motive erstmals anklingen: der Gedanke des Dienens, die überpersönliche Hierarchie eines Reichs des Geistes und, im Bild des Bundesarchivs, die später im Glasperlenspiel verwirklichte Zusammenschau der geistigen Kulturen aller Völker und Länder.

 […] das Paradoxe muss immer wieder gewagt, das an sich Unmögliche muss immer neu unternommen werden. In der Geschichte der Morgenlandfahrer sind die Grenzen von Zeit und Raum, die Schranken, die Leben und Dichtung, Illusion und Wirklichkeit trennen, aufgehoben. Die Handlung spielt im Innenraum seelischen Erlebens. Der Bund der Morgenlandfahrer, eine seltsame Bruderschaft von hohen Geistern der Vergangenheit und Menschen der Gegenwart, von allen Sehnsüchtigen und Erleuchteten, befindet sich auf einer geheimnisvollen Wallfahrt, einer Wanderschaft, die jedoch nicht dem Morgenland als einem geographischen Ziel zustrebt, aber alle Teilnehmer der Fahrt zu einer geistigen Gemeinschaft verbindet. Unser Morgenland war […] die Heimat und Jugend der Seele, es war das Überall und Nirgends, war das Einswerden aller Zeiten. So führt die Reise durch die Geschichte und die Zukunft, durch Räume und Zeiten. Wir zogen nach Morgenland, wir zogen aber auch ins Mittelalter oder ins goldne Zeitalter, wir streiften Italien oder die Schweiz, wir nächtigten aber auch zuweilen im zehnten Jahrhundert und wohnten bei den Patriarchen oder bei den Feen […] Halb Europa und ein Teil des Mittelalters wurden durchquert.

Auch der Musiker H. H. gehört zu dem Bund der Morgenlandfahrer, und seine Morgenlandfahrt wird zum Gleichnis des eigenen Lebenswegs. Sie führt zurück in die Vergangenheit, in die Unschuld der Kindheit, und führt, die Stufen eigener Menschwerdung sichtbar machend, in Irrtum, Zweifel und Verzweiflung. Die Glaubenswirklichkeit des Bundes beginnt zu verblassen, er verliert seine Spur, verliert die Mitte und irrt, andere für sein Unglück anklagend, in einer ihm fremden, öden Wirklichkeit umher.

Doch die tiefe innere Gewissheit, die Kraft der Sehnsucht, der Glaube an den Sinn und die Notwendigkeit seines Tuns treiben ihn vorwärts. Er lernt bestürzt und beglückt erkennen, dass nicht, wie er meinte, der Bund erschüttert worden und in eine Krise geraten ist, sondern dass er es war, den Schwäche und Zweifel untreu und zum Deserteur werden ließen. Das hohe Gericht, dem er sich als Angeklagter und als Selbstankläger zu stellen hat, betrachtet aber Abfall und Verirrung nur als Prüfung und spricht ihn frei. Bruder H. ist durch seine Prüfung bis in die Verzweiflung geführt worden, und Verzweiflung ist das Ergebnis jedes ernstlichen Versuches, das Menschenleben zu begreifen und zu rechtfertigen. Verzweiflung ist das Ergebnis eines jeden ernstlichen Versuches, das Leben mit der Tugend, mit der Gerechtigkeit, mit der Vernunft zu bestehen und seine Forderungen zu erfüllen. Diesseits dieser Verzweiflung leben die Kinder, jenseits die Erwachten. Er besteht im Gegensatz zu Harry Haller, dem Steppenwolf, die Selbstschau, die ihm als Probe auferlegt wird, und erreicht eine neue Stufe des Menschseins.

Die Morgenlandfahrt ist eine Dichtung in Symbolen und Gleichnissen, doch verbirgt sich in ihr auch eine Fülle kleiner Anspielungen und Beziehungen, und es wird ein heiter-ironisches Spiel mit Ereignissen und Menschen des persönlichen Umkreises getrieben. Liebenswürdig versteckter Dank an Schweizer Freunde klingt an, wenn erzählt wird von der Arche Noah, dem Haus Hans C. Bodmers in Zürich, von Georg Reinhart, dem schwarzen König in Winterthur, von den Kolonien des Königs von Siam, des Hauses Leuthold in Zürich, oder von der großen Bundesfeier in Bremgarten bei Max und Tilly Wassmer, an der Dr. Lang, Moser, Moilliet und Schoeck teilnehmen und wo Hesse selbst so manches Fest gefeiert hat. Zum Verständnis der Dichtung ist die Klärung all dieser einzelnen Anspielungen unwesentlich, und der Dichter betont in einem Brief an Alice Leuthold: […] Die Symbolik selbst braucht dem Leser ja gar nicht ‚klar‘ zu werden, er soll nicht verstehen im Sinn von ‚erklären‘, sondern er soll die Bilder in sich hineinlassen und ihren Sinn, das was sie an Lebens-Gleichnis enthalten, nebenher mit schlucken, die Wirkung stellt sich dann unbewußt ein [..]“

(Quelle: Hermann Hesse Portal – Die Morgenlandfahrt)

 

 

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